Wie kann ich meinen Partner bewusster berühren?
- Vera Plattner Buser

- 22. Okt. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 11. Nov. 2025
Stell Dir vor: Du liegst neben Deinem Beziehungsmenschen und spürst eine Hand auf Deinem Rücken. Technisch gesehen ist das Berührung.
Doch sie fühlt sich leer an – mechanisch, vielleicht kennst Du das auch: Ihr berührt Euch, aber die Berührung erreicht Euch nicht mehr wirklich, es fehlt an Wärme und Präsenz.
In diesem Blog-Artikel möchte ich Dir drei Impulse geben, wie Du die Qualität der Berührung bewusst gestalten kannst, um Eure Verbindung neu zu öffnen und sie der Situation anpassen kannst.

Das Problem mit der Routine
Nach einigen Jahren in einer Beziehung werden Berührungen oft zur Gewohnheit. Wir streicheln nebenbei, küssen flüchtig, umarmen mechanisch. Dabei vergessen wir:
Unsere Hände bilden Brücken zwischen unseren Herzen.
Die häufigsten Fallen:
Berühren ohne Aufmerksamkeit und Präsenz
Die immer gleichen Bewegungen
Berührung als "Mittel zum Zweck"
Keine bewusste Qualität
Vielleicht magst Du mal einen der drei Berührungs-Impulse für Dich und mit Deinem Lieblingsmenschen ausprobieren.
Impuls 1 - Die präsente Berührung
Wie sie sich anfühlen kann: Warm, ruhig, gegenwärtig. Eine Hand liegt auf der Haut – ohne Bewegung, ohne Ziel.
Wann sie hilfreich sein kann: Bei Stress, Traurigkeit oder wenn Vertrauen wichtig ist.
Um eine präsente Berührung zu geben könntest Du folgendes machen:
Nimm einen tiefen Atemzug und nimm Dich wahr.
Bist Du da? Spürst Du Dich?
Lege Deine Hand aufs Herz, den Rücken oder wohin gewünscht, Deines Beziehungsmenschen. Probiere dabei bewusst zu atmen und zu spüren was Du wahrnimmst, vielleicht spürst Du dabei die Wärme unter Deiner Handfläche. Versuche einfach da zu sein, ohne etwas zu wollen oder zu verändern.
Wie fühlt sich das an? Was erlebst Du dabei? Was erlebt Dein Gegenüber?
Diese Form der Berührung aktiviert das parasympathische Nervensystem – jenen Teil unseres autonomen Nervensystems, der für Entspannung und das Gefühl von Sicherheit zuständig ist.
Die ruhende Hand sagt:
"Du bist nicht allein. Ich bin bei Dir."
Impuls 2 - Die forschende Berührung
Wie sie sich anfühlen kann: Langsam, aufmerksam, neugierig. So, als würdest Du die Haut Deines Lieblingsmenschen zum ersten Mal entdecken.
Wann kann diese Form von Berührung hilfreich sein: Wenn Routine Einzug gehalten hat oder Ihr Euch fremd fühlt?
Um eine forschende Berührung zu geben könntest Du folgendes machen:
Nimm einen tiefen Atemzug und nimm Dich wahr.
Bist Du da? Spürst Du Dich?
Hier möchte ich Dich einladen, Dir vorzustellen, dass Deine Fingerspitzen Augen haben. Fahre mit Deinen Fingerspitzen-Augen zum Beispiel über den Arm, das Gesicht oder den Rücken, und "schaue" neugierig und ohne Plan.
Welche Temperaturunterschiede nimmst Du wahr? Wo ist die Haut weich, wo fester? Lass Dich überraschen von dem, was Du entdeckst.
Wie fühlt sich diese Berührung für Dein Gegenüber an?
Neurobiologische Studien zeigen: Besonders die langsame, bewusste Berührung mit etwa 3 bis 5 Zentimetern pro Sekunde stimuliert die C-taktilen Fasern – unsere "Wohlfühl-Nerven". Diese speziellen Nervenfasern senden Signale direkt in die emotionalen Zentren des Gehirns und erzeugen ein tiefes Gefühl von Geborgenheit und Verbundenheit.
Deine Hand sagt dabei:
"Ich bin neugierig, Dich zu entdecken. Ich liebe es Dich zu erforschen"
Impuls 3 - Die liebende Berührung
Wie sie sich anfühlen kann: Sanft, nährend, umhüllend. Liebe fliesst durch die Hände.
Wann sie hilfreich sein kann: Bei Unsicherheit, nach Konflikten oder wenn Trost gebraucht wird.
Um eine liebende Berührung zu geben könntest Du folgendes machen:
Nimm einen tiefen Atemzug und nimm Dich wahr.
Bist Du da? Spürst Du Dich?
Bei dieser Berührung lade ich Dich ein zu berühren, als würdest Du etwas Kostbares halten. Probiere aus, wie es sich anfühlt, wenn Du die ganze Hand benutzt, nicht nur die Fingerspitzen. Bewege sie langsam und gleichmässig. Lass dabei Dein Herz offen sein – diese Berührung ist ein Geschenk ohne Erwartung.
Wie fühlt sich diese Berührung für Dich und wie für Dein Gegenüber an?
Die Qualität dieser Berührung liegt nicht in der Technik, sondern in der Haltung dahinter. Wenn wir mit echter Zuwendung berühren, spürt das Gegenüber dies unmittelbar. Unser Nervensystem ist ausserordentlich sensibel dafür, ob eine Berührung mechanisch oder mit Präsenz geschieht.
Deine Hand sagt dabei:
"Ich liebe Dich. Du bist wertvoll für mich."
Eine Einladung zum Entdecken
Wenn Ihr mögt, könnt Ihr diese drei Qualitäten spielerisch erkunden: Setzt Euch einander gegenüber oder nebeneinander. Legt die Hände ineinander oder auf den Unterarm des anderen. Schliesst für einen Moment die Augen und atmet gemeinsam, um bei Euch und beieinander anzukommen. Probiert nacheinander die drei Qualitäten aus – die präsente, die forschende, die liebende Berührung. Nehmt Euch Zeit und tauscht Euch danach darüber aus, was Ihr erlebt habt. Es gibt kein Richtig oder Falsch, nur das Erleben im Moment.
Was die Wissenschaft dazu sagt
Unterschiedliche Berührungsqualitäten aktivieren verschiedene Nervenbahnen in unserem Körper. Während schnelle, kräftige Berührungen vor allem über die A-Beta-Fasern vermittelt werden und primär sensorische Information liefern, sprechen langsame, sanfte Berührungen die C-Taktilen Fasern an.
Diese C-Taktilen Fasern sind besonders dicht an Stellen wie Unterarmen, Rücken und Gesicht vorhanden. Sie reagieren optimal auf Berührungen mit einer Geschwindigkeit von 3 bis 5 Zentimetern pro Sekunde – genau jene Geschwindigkeit, die wir intuitiv wählen, wenn wir jemanden trösten oder liebevoll streicheln.
Interessanterweise sind diese Nervenfasern direkt mit dem limbischen System verbunden, jenem Teil des Gehirns, der für Emotionen und soziale Bindung zuständig ist. Eine bewusste, langsame Berührung ist also nicht nur eine körperliche Empfindung, sondern wirkt direkt auf unsere emotionale Verfassung und unser Gefühl von Verbundenheit.
Was sich in der Begleitung von Paaren zeigt
In meiner Arbeit als sexologische Körpertherapeutin erlebe ich, dass Paare überrascht sind, wie viel sich verändert, wenn sie beginnen, bewusst zu berühren. Es verändert sich nicht nur ihre Intimität, sondern ihre ganze Art miteinander zu sein.
Ein Paar erzählte mir:
"Wir haben neue Stellen entdeckt, an denen wir gerne berührt werden – nach 15 Jahren Beziehung! Es war, als würden wir uns neu kennenlernen."
Was diese Paare entdecken, ist eine alte Wahrheit: Berührung ist nie nur körperlich. Sie ist Sprache, Verbindung, Liebe in ihrer reinsten Form. Wenn wir aufhören, mechanisch zu berühren und stattdessen präsent werden, öffnen sich Türen – zum Beziehungsmenschen und zu uns selbst.
Besonders bewegend ist es zu beobachten, wie sich die Atmosphäre zwischen zwei Menschen verändert, wenn Berührung wieder bewusst wird. Plötzlich entsteht Raum für Verletzlichkeit, für echte Begegnung. Die Körper entspannen sich, die Gesichter werden weicher, der Atem wird tiefer.
Deine Hände sind wie Brücke zum Herzen
Berührung ist eine der intimsten Formen der Kommunikation, die uns zur Verfügung steht. Sie kann heilen, verbinden, Trost spenden – oder eben zur hohlen Geste werden, wenn wir sie unbewusst ausführen.
Die gute Nachricht: Du kannst jederzeit beginnen, Deine Berührungen wieder mit Leben zu füllen. Es braucht keine perfekte Situation, keine besondere Vorbereitung. Nur den Moment, in dem Du inne hältst und Dich fragst: Wie möchte ich jetzt berühren? Was möchte ich vermitteln?
Vielleicht beginnst Du heute Abend damit, eine dieser drei Qualitäten auszuprobieren. Ohne Ziel, nur mit Neugier.
Beobachte, was passiert – in Dir, in Deinem Gegenüber, zwischen Euch.
Falls Du noch tiefer eintauchen möchtest
Diese drei Qualitäten sind erst der Anfang. Mit meiner Touch Ma(ha)l Methode lade ich Paare ein, spielerisch und ohne Druck zu entdecken, wie Berührung wieder zu einer lebendigen, nährenden Verbindung werden kann. Wenn Dich das anspricht, findest Du mehr Informationen auf der Website.
Sei neugierig und lass Dich berühren.
Herzlich, Vera












Ich habe Deinen Artikel super gerne gelesen und große Lust bekommen, es auszuprobieren. Gleichzeitig sind da zwei "abers" in mir sehr groß:
ABER für sowas haben wir eh keine Zeit und Ruhe bzw. am Abend, wenn endlich Ruhe ist keine Energie mehr, uns zu was Neuem aufzuraffen.
ABER sowas findet mein Mann doof. Er würde mitmachen und würde die ganze Zeit hoffen, dass es gleich vorbei ist und dadurch würde ich mich unbehaglich fühlen und könnte mich gar nicht richtig darauf einlassen.
Ich denke, beide "abers" sind Stoff für je einen weiteren Blogartikel. 😉